ZS88: Von der Tanzwut und ihrer (wahrscheinlichen) Ursache

Wir springen in dieser Episode zurück ins Mittelalter und auch ein bisschen in die frühe Neuzeit. Über die Jahrhunderte hinweg berichten Quellen immer wieder von Menschengruppen, die über Tage, Wochen und Monate hinweg wie rasend tanzen, anscheinend ohne ersichtlichen Grund.

Wir sprechen über mögliche Gründe, von Bissen diverser Tiere bis zum Versuch der göttlichen Erlösung näherzukommen.

Das Episodenbild ist ein Ausschnitt eines Bildes von Pieter Brueghel, das Teilnehmer eines Ausbruchs der Tanzmanie darstellen soll.

Das Outro ist diesmal eine Tarantella, wahrscheinlich nicht genau so eine, wie sie damals gespielt wurde, aber vielleicht recht nah dran. Das Stück heißt “Tarantella re pinitenti” und wurde auf Soundcloud vom Filarota Recording Studio unter einer Creative Commons 3.0 Lizenz zur Verfügung gestellt. Die hier verwendete Version ist etwas gekürzt, das ganze Stück könnt ihr euch hier anhören. 

Literatur

Die wohl ausführlichste Quelle zu diesem Thema ist natürlich das erwähnte Buch von Gregor Rohmann mit dem Titel “Tanzwut”.

Die möglichen medizinischen Gründe kommen aus diesem kurzen Aufsatz aus dem Jahr 1997.

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6 Antworten auf „ZS88: Von der Tanzwut und ihrer (wahrscheinlichen) Ursache“

Interessant, das Phänomen kannte ich noch nicht.
Mich würde interessieren inwiefern der Autor die Tanzwut von anderen Formen religiöser Extase abgrenzt, die ja im Vergleich gar nicht so selten ist. Hier ein sehr ausführlicher Artikel dazu: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/ekstase-besessenheit/ch/09e2e5b21c8c8ab586e03f4e9d7669ff/
U.a. wird da auch das Phänomen der Ansteckung erwähnt, das schon in der Bibel beschrieben ist.

War wieder eine Freude euch zuzuhören! Zu Mutterkornvergiftungen habe ich vor kurzem auch etwas in Amy Stewart, “Gemeine Gewächse”, gelesen. Dort werden die Symptome mit Krämpfen, Übelkeit, Gebärmutterverengungen und Wundbrand beschrieben, die schließlich zum Tod führen können. Zudem erwähnt sie dass LSD zum ersten Mal aus der Lysergsäure des Mutterkorns gewonnen wurde. Die Symptome einer Mutterkornvergiftung sind auch mit LSD-ähnlichen Horror-Trips vergleichbar, die Hysterie, Halluzinationen und das Gefühl, das etwas unter der Haut kribbelt, umfassen, und Amy Stewart verweist darauf, dass einige Fälle von Besessenheit, und damit in Zusammenhang stehenden Anklagen auf Hexerei, heute auf Mutterkornvergiftungen zurückgeführt werden. Zum Beispiel Salem 1691/92 – da wars allerdings auch Winter, und die Bedingungen passten besser als bei sommerlichen Tanzexzessen in Italien.

Hi Monika,

vielen Dank für den spannenden Input. War mir gar nicht bewusst, wie verwandt die Symptome für diese beiden ja recht unterschiedlichen Dinge sind. Vielleicht müssen wir einfach mal eine kleine Geschichte des LSD machen, das wär ja sicher auch ganz spannend. Und was die Hexenverfolgungen angeht: kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass die Mutterkornvergiftung schuld an Verhalten ist, dass man damals eher schwarzer Magie zuschreiben würde.

Lg,
Richard

Lieber Richard und Daniel, danke für die spannende Folge. Ich habe im Vorfeld ein Podcast auf Englisch gehört, das dem Phänomen – speziell dem der Straßburger Tanzplage – auf den Grund geht [Dancing Plague: Worst Dance Party Ever von “This Podcast Will Kill You”]. Der Erklärungsversuch dort ist eher medizinisch-psychologisch. Ich finde, deren und eure Erklärung ergänzen sich sehr gut. Um die andere Perspektive zu erläutern: Kurz wurde es in eurem Podcast erwähnt, und zwar mit der “Massenhysterie”: Das ist eine unglückliche Wortwahl für ein psychologisches Phänomen, dass man im Englischen neben mass hysteria auch als mass psychogenic illness, mass sociogenic illness, mass psychogenic disorder oder epidemic hysteria bezeichnet. Unter diesen Bezeichnungen lässt sich viel über dieses Phänomen finden, kurz gefasst ist es das Empfinden bestimmter Symptome, generell Leiden, die keine organische Entsprechung im Körper haben. Diese Leiden verbreiten sich dann, meistens in einer sich nahe stehenden Gruppe. Traumatische Vorbelastungen und hoher Stress spielen dabei eine Rolle. Das psychische Phänomen lässt such auch in der heutigen Zeit beobachten (wobei es natürlich schwierig ist, es richtig zu identifizieren) aber die spezifische Ausprägung der Tanzplage ist nur durch den sozio-kulturellen Kontext erklärbar, die in eurem Podcast spannend erläutert werden. Auch soll man den Heiligen die Macht zugesprochen haben, die Leute mit solchen Tanzplagen bestrafen zu können. Das von euch erwähnte Buch von Gregor Rohmann hat bei mir auf jeden Fall Interesse geweckt!

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